Versunkene Schätze im Freibadbecken

Aufgrund alter Vorurteile, die ich mal wieder überprüfen möchte, starte ich nach 20 Jahren einen neuen Versuch: Ich gehe ins Freibad. 
Dank des heißen Wetters fällt mir diese Entscheidung recht leicht. Vor mir die erste Hürde: die Kasse. Eine Mutter mit ca. 7 Kindern steht vor mir. Ich gehe mal davon aus, es sind nicht nur ihre eigenen, da alle ungefähr im selben Alter sind und der bauchfreie Bereich der jungen Mutter nicht auf ausgeprägte Schwangerschaften schließen lässt. Vermutlich hat sie die halbe Nachbarschaft im Schlepptau, damit sich ihr Mann derweil mit den (temporär kinderlosen) Nachbarinnen den neuen Whirlpool teilen kann. "Sie wird es auch noch lernen", denke ich. 

Die Kids turnen am Geländer, schreien, plärren, zupfen an der vermeintlichen Mutter und einer pinkelt in den Abfalleimer am Eck des Kassiererhäuschens, weil er das geforderte Eis nicht sofort bekommt. Die "Mutter" wiederum bekommt von alledem nix mit, da sie versucht, den Kassierer zu verstehen.
Letztendlich schafft sie es, sich und ihrer Kindergruppe Einlass zu verschaffen. Ich bin jetzt dran, und bezahle einen Eintrittspreis, für den ich vor 20 Jahren ein komplettes Freibad hätte mieten können, und zwar für den gesamten Sommer - wohlgemerkt! 

Bei den Umkleiden keine besonderen Vorkommnisse, nervig ist nur, dass sich lediglich zwei Kabinen in dieser Reihe abschließen lassen. Wie früher! - Ein Nostalgie-Gefühl durchströmt mich für einen kurzen Moment. 
Egal, beide Kabinen sind ja frei. Gut gelaunt schlendere ich anschließend zu einem schattigen Platz unter einem großen Ahornbaum. Dort lasse ich mich im weichen Gras nieder. Kurz darauf leider auch einige Jugendliche, die mit ihren schrillen Stimme darüber diskutieren, welche Musik sie, aus den noch schriller klingenden Lautsprecher ihrer Smartphones, hören wollen. Ein junges Mädchen mit langen grünen Haaren und einem Piercing im Auge (im Auge? - kann sein, vielleicht täusche ich mich auch, ich habe Schweiß in den meinigen) beendet die Diskussion mit dem Satz: "Mein Handy hat hier ja gar kein Netz", schneller als ich mir den Schweiß aus den Augen wischen kann, ist die ganze Truppe wieder verschwunden. 

Ich freue mich und begebe mich jetzt erst einmal ins Wasser, meine Wertsachen habe ich in einen wasserdichten Brustbeutel gesteckt und um meinen Hals gehängt. Das Wasser ist überraschend warm, aber meist nur dort, wo viele Kinder schwimmen. Ein widerlicher Verdacht keimt in mir auf. Da ich bei dem Gedanken an Urin im Wasser oft sehr paranoid reagiere, begebe ich mich umgehend ins 3 Meter-Becken - dort kann ich wenigsten tauchen. Ich bin überrascht, wie lange ich mit 46 Jahren noch die Luft anhalten kann. Immer wieder teste ich mein Lungenvolumen und beim 5. oder 6. Tauchgang werde ich sogar zum erfolgreichen Schatztaucher. Am Beckenboden entdecke ich ein Schlüssel-Etui oder ist es vielleicht sogar eine Geldbörse? 

Ich schnappe mir das Ding, das sich unter Wasser nach einem Autoschlüssel im Ledertäschchen anfühlt. Als ich nach Luft schnappend oben ankomme und meine Augen wieder klar sehen, bemerke ich, dass das Täschchen keinen Reißverschluss hat. Weshalb auch? Weshalb auch sollte eine Kackwurst (ja ich nenne die Dinge beim Namen - besonders wenn sie scheiße sind) einen Reißverschluss haben? 

Ich lasse den kalten Stuhl wieder auf den Boden sinken, wobei ich mich beherrschen muss, dass ich mich jetzt nicht übergebe. Ich habe genug vom Freibad! Wütend watschle ich zu meinem Handtuch zurück, packe meine Sachen zusammen und begebe mich fluchtartig zu den Duschen, um mich reinzuwaschen. Nach ca. einer Stunde unter der Dusche fühle ich mich ein klein wenig besser. 
Auf geht`s, wieder zurück zu den Umkleidekabinen, von denen jetzt eine der abschließbaren besetzt ist, die andere nehme ich. In der Nebenkabine muss sich eine sehr stämmige Frau befinden, da sie beim Umziehen immer wieder gegen die Trennwand stößt und dabei vor Anstrengung oder Schmerzen stöhnt. "Hoffentlich zieht sie sich keinen Bikini an", denke ich zynisch. Als die Nachbarin anscheinend erfolgreich umgezogen ist, fällt ihr etwas herunter, das auf meiner Seite der Umkleide landet. 

Weil ich meine Brille noch nicht aufgesetzt habe, bin ich froh, dass ich den Gegenstand durch die auffällig orangene Farbe leicht erkennen kann. Das Ding sieht nach einer Handy-Hülle aus. Als ich versuche es aufzuheben, merke ich jedoch sofort, dass es sich dabei um ein frisch benutztes Kondom handelt. Eeeekelhaft .....!!! 

Ich renne sofort wieder aus meiner Umkleidekabine, um mir am nahegelegen Waschbecken die Hände abzuhacken äh... abzuwaschen. Die anderen Menschen um mich herum blicken mich währenddessen ungläubig an (Atheisten!?). Sie starren mir abwechselnd ins Gesicht und auf meinen Unterleib. Verdammte Scheiße (sorry nein, die liegt ja auf dem Beckenboden) ich bin nackt ...!!! Vor lauter Panik bin ich ohne Hose aus der Umkleide gerannt. Als ich hektisch dorthin zurückkehre, finde ich dort zwar meine Kleidung vor, aber mein Brustbeutel ist weg. Verflucht! - Das ganze Geld weg und meine Monatskarte auch - zum Glück ist heute der 31. ...! 

Puuuh, Glück gehabt, mein Brille ist auch noch da. Ich setzte sie auf und verlasse schleunigst meine Kabine. Im selben Moment öffnet sich die Kabine nebenan, heraus kommt ein junger Bursche und seine Begleiterin. In ihr erkenne ich das Mädchen mit den grünen Haaren wieder, welches zuvor mit ihrer Gruppe neben mir lag und kein Handy-Netz hatte. Als der Junge sie ganz stolz fragt, wie es denn für sie war, antwortet sie nur ganz lapidar: "Nicht schlecht, meine Handy hatte vier Balken. Vielleicht irre ich mich, aber jetzt steckt ihr Piercing in der Unterlippe des jungen Mannes. 

Erleichtert erreiche ich den Bus. Ich steige hinten ein und fahre einfach mal schwarz, das ist mir nun auch scheißegal - ist ja eh mein schwarzer Tag. Als wir an der städtischen Kläranlage vorbeifahren, kommt mir ein spontaner Gedanke: Vermutlich hätte ich dort dieselbe Wasserqualität vorgefunden wie im Freibad. Nur mit deutlich ruhigerer Atmosphäre - vielleicht sogar mit Handy-Empfang am Beckenrand? Evtl. sogar mit 5 Balken!?

Mal schauen, vielleicht beim nächsten Mal - in 20 Jahren ...!