Erwin und der Fleischsalat

Mitternacht – auch in Brezelingen die Stunde der Geister. Wenn auch Sommer- und Winterzeit, die Geisterwelt auf dem Land sehr unzuverlässig werden ließ. Erwin hatte trotzdem Hunger, und schlich sich auf leisen Sohlen Richtung Küche. Die Treppe vom Schlafzimmer nach unten, hatte er bereits hinter sich. Erna lag schnarchend im Bett. Sie konnte ihn diesmal nicht überraschen. Von draußen hörte er den Ruf eines Käuzchens, und ein halber Vollmond warf sein Licht durch das Glas der Eingangstür. Fast schon schwebend, erreichte er die Küche im Erdgeschoss, und sah bereits die mächtige Tür des Kühlschranks vor sich schimmern. Das Licht des Erdtrabanten reichte aus, um sich im Haus orientieren zu können. 

Die Tür des kulinarischen Möbels öffnete sich fast lautlos. Während Erwin nach der Schüssel mit dem Fleischsalat griff, hörte er ein Geräusch. Er hielt inne und wartete, aber nichts rührte sich. Während er zu der Schublade mit dem Besteck griff, um einen Löffel zu holen, drehte er sich immer wieder um. Aber es war immer noch nichts zu sehen. Erwin fühlte sich beobachtet, obwohl er Erna laut schnarchend im oben liegenden Schlafzimmer hören konnte. Der erste Löffel Fleischsalat schmeckte unglaublich lecker, der zweite auch, aber beim dritten blieb ihm der Löffel förmlich im Halse stecken. Das pure Grauen ließ ihm die grauen Brusthaare zu Berge stehen. Mitten in der Schüssel Fleischsalat saß Erna und schaute ihn bitterböse an. Erwin begann zu zittern, die Schüssel fiel klirrend zu Boden. Schreiend rannte er aus der Küche.

„Erwin, verdammt nochmal“, hörte er seine Frau rufen, während sie ihn unsanft an den Schultern rüttelte. „Kannst du nicht einmal einen stinknormalen Alptraum haben, wie jeder andere auch? Nimm endlich den Löffel aus dem Mund, und wisch dir den Fleischsalat aus den Haaren!“

Der halbe Vollmond schien durch's Fenster, und erhellte sein angstverzerrtes Gesicht, während er immer noch, wie gelähmt, in seinem Bett lag ...